Humane Intelligenz

Goodbye Empirismus, Kontrolle und künstliche Intelligenz

Im 21. Jahrhundert geht es darum, das geistige Potenzial, das Genie, das jeder Mensch in sich trägt, zum Vorschein kommen zu lassen: die Kernintelligenz.

Wissen ist nicht Macht,
sondern Mittel zur Einsicht.

Hans-Peter Dürr

Die Rückkehr zu Empathie und Neugier

Sympathie, Empathie, Liebe, Seele, Spiritualität: Wo sind diese Eigenschaften auf der Agenda der Moderne zu finden? Überhaupt nicht. Unsere Kultur ist von Bemühungen geprägt, die Muster der Industrie beizubehalten. Transhumanisten wie Google-Guru Ray Kurzweil fantasieren von künstlicher Intelligenz, die unsere eigene übertrifft, davon, das Gehirn mit der Datencloud gleichzuschalten und damit „die nächste Evolutionsstufe“ zu erreichen.

Durch die Potenzierung von Daten und permanenten Abgleich mit den Riesen-Kontingenten an künstlicher Intelligenz werden wir über uns hinauswachsen, so Kurzweil (und Google gleich mit).

Du musst dein Leben ändern.

Rainer Maria Rilke

Warum es dazu nicht kommen wird, erklärt die menschliche Intelligenz von selbst; man muss nur einmal kurz darüber nachdenken (ein Ausdifferenzierungsprozess, der von einer künstlichen Intelligenz in dieser Form nie generiert werden könnte). Schon Friedrich Nietzsche machte deutlich, dass Menschen nicht schlauer werden, wenn sie größere Brillen tragen oder sich andere geistige „Prothesen“ (Baudrillard) zu eigen machen, was in seinem berühmten Imperativ kulminiert: „Sei du selbst! Das bist du alles nicht, was du tust, meinst, begehrst!“ Also der komplette Restart des eigenen Bewusstseins, und sei es nur dafür, sich zu hinterfragen.

Würde künstliche Intelligenz so etwas tun? Niemals. Was die Propheten mit ihrer „künstlichen Intelligenz“ betreiben, ist reine Empirie in Gestalt von Daten. Im Prinzip bewegt sie sich in keinem anderen System als den vererbten Denkmustern von Eroberung und Unterwerfung. Von einer Bot-Kreativität, die vorhandene Daten immer neu abmischt abgesehen, wird Denken aber immer selbst entwerfend sein. Außerdem, das wissen nicht nur Philosophen wie Markus Gabriel oder der Biochemiker Henning Beck („Hirnrissig“), bleiben einige, wenn nicht alle rein menschlichen Faktoren bei allem wahnwitzigen Daten-Rollout auf der Strecke.

Die Zukunft liegt in der humanen Intelligenz

Der Jahrtausendwechsel markierte die zweite Gutenberg-Galaxie, die Digitalisierung unserer Lebensform. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert an einer historischen Schwelle zwischen dem Ende des Industriezeitalters zum Beginn einer neuen Freiheit. Beim Wandel vom Agrar- zum Industriezeitalter um 1850 löste sich auch die Naturverbundenheit der Menschen. Dampfmaschine, Automobil und andere Errungenschaften zogen eine erhebliche Mobilität von der Scholle in die Stadt nach sich. Nach der technischen Evolution begann das Informationszeitalter. Heute tragen wir Computer an der Hand, deren Leistung vor dreißig Jahren noch ganze Häuserblocks gefüllt hätte. Umgekehrt verfügt man in Smartphones, iPads und Laptops über sämtliche Information, die über Jahrtausende kirchlicher Vorherrschaft gerne vorenthalten wurde.

Was jedoch auf der Strecke blieb, ist die humane Entwicklung. Nachdem wir bis zum Ende der Milchstraße alles erobert haben, stellen wir fest, dass wir vor allem in der vom Rest der Welt begehrten westlichen Welt unzufrieden sind.

In diesem Paradigma bleiben immer mehr Menschen auf der Strecke, weil ihre Qualitäten nicht mehr zählen sollen. Ureigene Intelligenz wird im Industrie-Hamsterrad immer weniger in Anspruch genommen. So etwas können sich nur nerdige Technokraten einfallen lassen.

Dabei kommt gerade jetzt, nach der Überwindung notwendiger Bedürfnisse wie die Vermeidung von Krieg, Hunger oder auch Unterdrückung ein anderes Potenzial zum Tragen: humane Intelligenz. Historisch betrachtet, rückt nun das oberste Drittel der Maslowschen Bedürfnispyramide ins Zentrum: Bedürfnisse, die auf Seele und Geist beruhen. Sie führen zu einer neuen Art der Freiheit: der Freiheit an sich satt der „Freiheit von“ etwas. Dafür muss man jedoch selbst etwas tun: Aus seiner Ego-Welt gerissen zu werden, da sie auf den alten Parametern beruht: Wir machen in der Industriewelt immer schön mit, bis wir erschöpft sind. Im Zeitalter künstlicher Welten werden wir jedoch alle abgehängt, auch wenn wir verkrampft versuchen mitzuhalten. Technologien wie Photoshop führen zu perfekten Kunstwesen auf den Covern von Magazinen – und von dort zum Schönheitschirurgen, um das Aussehen vermeintlicher Idole nachzuahmen. Musikprogramme erfinden immer komplexere Beats, die echte Musiker dann versuchen, zu imitieren. Social Media beruhen auf dem Geschäftsmodell des Hasses, werden künstlich gespeist zum sozialen Darknet. Nur einige sehr wenige – die Kardashians, Zuckerbergs, Bezosʼ unserer Tage – profitieren davon, zerstören aber viel. Der „IQ“ gilt als Ausweis einer höheren Intelligenz und weist eigentlich nur darauf hin, dass jemand sich mehr merken kann als andere. Für die emotionale Qualität (EQ) eines Menschen interessieren sich weniger; dafür aber immer mehr.

EQ: das Leitmedium der Zukunft

Die große Chance unserer Zeit ist der Sprung in die eigene Freiheit. Am Ende des klassischen Industriezeitalters agieren wir alle in einem System, das entweder humanen Sinn oder Unsinn produziert. Kaum jemand muss noch für die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse „ackern“ oder sich für die Verbesserung des Lebensstandards „den Rücken krumm schuften“, was ja in sich schon ein Paradox ist. Man hat nun die historische Chance, die Paradigmen zugunsten einer Sinnhaftigkeit zu verändern – in Zeiten von umspannenden globalen Problemen wie Pandemie und Klimawandel nicht die schlechteste Idee. Aber für eine neue Führung in der Politik wie in den Vorstandsetagen ist es unbedingt nötig, auch die alten Industrieparadigmen hinter sich zu lassen, inklusive der Dominanz künstlicher Intelligenz. Statt IQ braucht es EQ, die persönliche Fähigkeit zu Empathie, Mut, Liebe. Dieses Bedürfnis, das jeder nachvollziehen kann, kommt einer Bewegung zugute, die sich in der Gegenwart Bahn bricht.

An der Schwelle von der Agrar- zur Industriegesellschaft ist seit dem Beginn der Aufklärung im 18. Jahrhundert ein Pflänzchen gewachsen, das erst in unserer Gegenwart zur vollen Blüte kommt: das aufgeklärte Bürgertum. Gut gebildete oder ausgebildete Bürger hatten durch den „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) und den Einfluss der daraus folgenden idealistischen Philosophien immer bessere Chancen, frei und offen zu denken und zu agieren. Man wurde selbstständig, auch ökonomisch. Nicht ohne Grund beklagte Karl Marx im 19. Jahrhundert die Vereinnahmung von Können und Talent durch die Industrie, mit Recht: Ehrbares Handwerk wurde beispielsweise bald nicht in Form der Erzeugnisse, sondern mit Haut und Haaren eingekauft.

Industriearbeiter mussten sich aber immer schnelleren Zyklen anpassen, mit immer mehr Druck umgehen. Fordismus und Roosevelts „New Deal“ brachten Erleichterung – und neuen Druck, von der Maschinen- bis in die Service- und Informationsgesellschaft. Bis Innovations- und Entrepreneurpapst Peter F. Drucker um das Jahr 2000 mahnte, es sei vielleicht mal an der Zeit, dass Menschen in der Industrie wie Menschen statt wie Maschinen behandelt werden. Die maschinelle Art der Behandlung entstand aus historischer Nachlässigkeit. Die Forderung nach Menschlichkeit und eigener Entfaltung kam in diesem Paradigma nicht vor.

Als Antikultur zur Industriegesellschaft etablierten sich aber das Künstlertum und die Romantik als soziale Bewegung, die bis zur Hippie-Gegenkultur der 1970er-Jahre und Maslows Forderung nach Selbstverwirklichung ihr Muster beibehält. Diese Bewegung hat mittlerweile den „Marsch durch die Institutionen“ vollzogen und Einzug in die Mitte unserer Gesellschaft gehalten. Jeder Mitarbeiter ist auch Mit-Unternehmer, Menschen sind selbstständig, wir kuratieren unser Leben durch Selektion kreativer Möglichkeiten, bloggen, publizieren, inszenieren, sind Kreative und Business-People zugleich. Der wahre Protagonist unserer Zeit – ebenfalls in endlosen Filmen dargestellt – ist die Figur, die vom bösen Spiel ihres Business ablässt, um sich dem Guten, Schönen oder auch Wahren zuzuwenden: zu seiner eigentlichen Berufung, weg von egozentriertem Machtgehabe und dem ewigen „More“. Wer diese Berufung vollzieht, eröffnet ein Spiel, in dem sich unter richtiger Führung vieles von selbst ergibt: der Gang der Natur, wenn man sie nur lässt.

Der Nicholson-Faktor: Sei nicht das Produkt deiner Umgebung, mach die Umgebung zu deinem Produkt

Um Lösungen herbeizuführen, muss man, um mit dem Quantenphysiker Dürr zu sprechen, die Energie weiterleiten, die hinter der Materie, der Idee steckt, dem Gang der Natur folgen, zu unternehmen, was sprichwörtlich „in unserer Natur liegt“. Wir alle sind unter gewissen Bedingungen geboren, die uns körperlich, seelisch und geistig prägen: unsere Kernintelligenz. Wer wir wirklich sind, ist eine Frage, die noch ganz am Anfang steht. Der Genius, das authentische Selbst ist das, was schon da war, bevor wir geboren wurden. Spricht man vom „Geist“ Goethes oder Mandelas, ist deren Ausstrahlung, Energie, Frequenz gemeint, die nicht materiell ist, sondern mit den Gesetzen der Schöpfung in Verbindung steht. Diesen Kern trägt jeder Mensch in sich. Ob er auch im Außen zum Tragen kommt, hängt von unserer sozialen Umgebung ab: den anderen.

Mozart wurde der geniale Komponist, weil sein Vater auch sein Mentor und Ausbilder war. Er hatte das Glück, in eine Umgebung geboren zu werden, in der er seine Genialität entwickeln konnte. Genies wie Enzo Ferrari, Elton John, Michael Jackson, Steve Jobs hatten vergleichbare Umfelder. Wäre Mozart auf einem Bauernhof von einem sturen Naturburschen großgezogen worden, wäre er zu klein und dünn gewesen, um ordentlich mit anpacken zu können. Ein bekannter Grafiker hat einmal erzählt, er sei auf einem Bauernhof aufgewachsen und musste sich ständig anhören, er solle die Kühe melken und nicht malen … Diese „Bauernhöfe“ gibt es vermutlich millionenfach. Deshalb muss es darum gehen, die Kernintelligenz Früchte tragen zu lassen.

Hans-Peter Dürr war der Überzeugung, dass Weisheit entsteht, wo zum Materiellen das Spirituelle hinzukommt: „Bleibt man beim Materiellen, dann geht es nur um Macht.“ Diese Kernintelligenz heißt Selbstverwirklichung (Self-Actualization). Sie geht in die eigene Substanz und darüber hinaus. Oft sind es die Menschen selbst, die ihr Genie dort verorten, wo es zur Entfaltung kommt.

Der Schauspieler Jack Nicholson etwa wuchs wohlernährt und verhätschelt in New Jersey auf. Mit 18 Jahren fährt er mit einem alten Auto ohne Geld allein quer durch die Vereinigten Staaten, bis es in Hollywood zum Stehen kommt. Als Laufbursche durch die Produktionshallen der großen Filmstudios saugt er das Business auf, bekommt eine kleine Nebenrolle. Sein Talent wird von einem Mentor entdeckt, der als König der Trashfilme gilt; das gibt Nicholson aber Gelegenheit, sich auszuprobieren. Fünfzehn Jahre später spielt er eine Nebenrolle in dem Hippie-Epos „Easy Rider“, bekommt den Oscar, ist über Nacht weltbekannt. Soweit seine „Karriere“ …

Umgebung ist aber nicht alles. Der ureigene Genius muss Gelegenheiten bekommen oder sich erarbeiten. Bei Jack Nicholson geht es durch eine Synchronizität der Ereignisse erst richtig los: das berühmte „Kairos“, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Kurz nach seinem ersten großen Kinoerfolg erfährt er von einem investigativen Journalisten, dass seine vermeintliche Schwester seine Mutter war. Dieser Journalist übernahm unwissentlich die Rolle des Mentors, der den Schauspieler wach werden lässt.

Ab da geht Nicholson über sich hinaus – in seine eigene Freiheit: Nicholson spielt nur noch Rollen, die er ist. Er agiert seine Aggressivität, seine Traurigkeit, seine Wut in „Psycho“-Rollen wie „Einer flog übers Kuckucksnest“, „Shining“ oder „Besser geht’s nicht“ – und tut damit genau das, was er als Mafiaboss in dem Scorsese-Film „Departed“ einmal so formuliert: „Ich will nicht das Produkt meiner Umgebung sein. Ich will, dass die Umgebung mein Produkt ist.“  Welche künstliche Intelligenz würde sich jemals diesen Lebensfilm ausdenken können?

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